Mittwoch, 5. Juni 2013

Berlins Größe

In aller Munde ist gerade das wunderbare neue Buch von Hanns Zischler, Berlin ist zu groß für Berlin. Und da laut Klappentext "learning by walking" ein Lebensmotto Zischlers sei, ist es kein Wunder, dass auch die spaziergängerin das Buch unbedingt empfehlen mag.

Nicht nur kluge und schmökerbare Texte sind da zu finden (als geborener Neu-Westenderin gefällt mir natürlich besonders "... durch die ganze lange Stadt nach Stralow", der Bericht einer Fahrt mit dem Bus 104 vom Brixplatz bis zur Endstation), auch ungemein schön gestaltet ist das Buch. Von Berliner Plätzen und "Straßenzusammenstößen" ist da die Rede. Oder von einer Untersuchung  aus den 50er Jahren zu "Berliner Kinderspielen der Gegenwart", in der man dann lernt, dass Wilmerdorfer Kinder Zeck, Friedrichshainer Kinder aber Einkriege, Hochdeutsch jeweils Fangen, spielen.

Im Text über die Geschichte des Berliner Doms zitiert Zischler den Architekturkritiker Karl Scheffler, der schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts postulierte, was auch heute noch aktuell klingt und immer noch so wenig beachtet wird:
"Wer da bauen will an den Gassen, muss die Leute reden lassen. Das Stadtbild gehört uns allen"
Wer mehr über Hanns Zischler im Allgemeinen und seine Gedanken zu Berlin und Stadtentwicklung im Besonderen hören mag, sollte auch seinen Besuch bei den sowieso großartigen Zwischentönen nachhören ...

Dienstag, 7. Mai 2013

Religiöses Dreieck

Zwischen Fehrbelliner Platz und der Stadtautobahn, Abzweig Steglitz erwartet man nicht unbedingt soviel Heiligkeit: Neben der Russisch-Orthodoxen Christi-Auferstehungskathedrale am Hohenzollerndamm liegen in der kurzen Brienner Straße nicht nur die Dänische Gemeinde, sondern vor allem die älteste bestehende Moschee Deutschlands.

 

Der perfekte Spaziergang für den frisch veröffentlichten Religionsmonitor also ...

Freitag, 25. Januar 2013

Stadtvertrauen

Meine Eltern sind gern mit uns spazieren gegangen. Was bei anderen Familien in einer knappen Stunde erledigt ist, dauerte bei uns eher drei Stunden. Und auch wenn ich sicher mal gejammert habe - im Grunde habe ich es geliebt! So haben meine Eltern vielleicht angelegt, was ich heute auslebe: Stadtraum durchstreifen.

Was vielleicht noch wichtiger war als diese sonntäglichen Spazierwanderungen: spätestens seit wir in der Schule waren, haben meine Eltern uns auch ohne ihre Begleitung auf die Straße gelassen. Sicher, mit drei älteren Geschwistern hat man es da einfacher, außerdem gab es meinen Sandkasten- und Grundschulkumpel Andreas aus dem Nachbarhaus, ich war also nie allein unterwegs. Auch die Verkehrslage mag sich verändert haben - obwohl es schon damals keine Kleinigkeit war, den Spandauer Damm zu überqueren! Es gab ein paar Ansagen, wie weit, mit wem und wann nach Hause (wenn die Straßenlaternen angingen ...) und sonst eine Menge, ja: Vertrauen muss man das wohl nennen ...

Dieses eigenständige Erkunden der näheren Umgebung ist ungeheuer wichtig - um Orientierung zu lernen, aber auch um ein Gefühl für (vielleicht auch gefährliche) Situationen und un|freundliche Stadträume zu bekommen. Und es macht irre stolz, wenn man als alt genug befunden wird, ALLEIN einen Liter Milch im Laden an der Ecke kaufen zu gehen. Heute sieht man solche Kindergruppen, wie wir sie früher waren, nur noch selten, geschweige denn Kinder, die alleine unterwegs sind.

Bestimmt müssten wir Kindern bessere Räume bieten - der Spielplatzdesigner Günter Beltzig hat ja ganz recht: "Die Gärten müssen hübsch und ordentlich sein, der Verkehr muss fließen, jeder möchte seine Ruhe haben. Ja, wo bleibt denn da noch der Platz für Kinder?" Aber wir müssen sie auch neugierig machen und zulassen, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen ...